Sirenenbann

Die Stimme einer Sirene kann Magie erschaffen.
Sie kann den Willen nehmen und ganze Leben verändern.

Ohne ihre Stimme sind sie hingegen nichts.

Und doch will es eine alte Tradition, dass sich jede Sirene einer Prüfung stellt, die ihr die Stimme nehmen kann.

Für immer …

Leserstimmen

Gwendolyn A. Wynter entführt uns in eine traumhafte Unterwasserwelt und gibt uns einen Einblick in das Leben von Sirenen und Meermännern. Eine Geschichte, die mich verzaubert hat. Stundenlang hätte ich noch weiter lesen können.

~ Renas Bücherleidenschaft

Taucht ein in die wunderschöne Unterwasserwelt von Gwendolyn A. Wynter und lasst euch von ihr mitreißen und verzaubern. Auch diejenigen unter euch, die keine schnulzigen Liebesgeschichten mögen, können hier beruhigt zugreifen, denn die Autorin lässt dieses Thema nicht unbedingt in den Vordergrund treten. Der Hauptaspekt liegt hier definitiv auf der Geschwisterliebe und den Geheimnissen, die von den älteren Sirenen gehütet werden.

~ Arya Green Vermont

Leseprobe

Prolog

 

Vor der Küste Szefilias

 

Eigentlich mag ich dieses Wetter. Prasselnder Regen und tosender Wind, der einem die Seeluft ins Gesicht peitscht und alle Sorgen für einige Momente vergessen lässt. Heute allerdings hat er einen ungünstigen Zeitpunkt gewählt. Wir sollten mit der Sirene schon seit den Abendstunden im Hafen liegen und die Waren entladen haben, doch der inzwischen abflauende Sturm hat mir meine Pläne durchkreuzt. Selbst ich bin nicht wahnsinnig genug, um mir zwischen den tückischen Felsen hindurch einen Weg zu suchen, auch wenn ich diese Gewässer nun schon seit Jahren kenne und meine Männer zu den besten zählen, die in meiner Heimat Kemscha zu finden sind.

Niemand war begeistert davon, den Rest der Nacht das Licht des Leuchtturms so nah zu sehen und doch nicht den langersehnten Landgang antreten zu können – allerdings hat auch niemand mein Angebot angenommen, zur Küste zu schwimmen.

Das Heulen des Windes ist das Einzige, das mich seit Einbruch der Dunkelheit begleitet. Das Kratzen meiner Feder auf dem rauen Papier des Logbuchs ist längst verstummt. Dennoch sitze ich hier im flackernden Kerzenschein und lasse den Blick über die Eintragungen in den restlichen Büchern und die herumliegenden Karten schweifen.

Die Kapitänskajüte ist nach Wochen auf See mein liebster Ort auf dem Schiff. Viel Zeit verbringe ich hier normalerweise nicht und wenn ich hier bin, schlafe ich meist. Heute Nacht bleiben mir zum ersten Mal mehr als ein paar ruhige Stunden in meiner Hängematte. Seit wir vor Anker liegen, habe ich endlich einen Brief an meine Mutter schreiben können, die schon so lange auf Nachricht von mir wartet. Der Bote wird Wochen unterwegs sein, aber vermutlich weit schneller sein Ziel erreichen als ich mit dem Schiff.

Um mir die Zeit zu vertreiben, betrachte ich die wenigen Bilder an der Wand, doch wie immer zuckt ein vertrauter Schmerz durch meine Brust, als ich die Zeichnung sehe, die neben Mutter und mir auch meine beiden Brüder zeigt. Jahre sind vergangen, seit ich den Zeichner dazu überredet habe, nur halb so viel Kupfer für seine Arbeit zu verlangen, damit ich mir ein Andenken leisten kann, bevor ich auf große Fahrt gehe. Auch wenn Vater uns allen gefehlt hat, waren wir doch glücklich. Lange hat mich das Bild in einer meiner Taschen begleitet, bis ich vor drei Jahren die Sirene als einer der jüngsten Kapitäne übernommen habe. Seither hängt es hier und erinnert an glücklichere Tage. Dass mein älterer Bruder seit Beginn meines Daseins als Kapitän zu meiner Crew gehört, ist zugleich eine Erleichterung und eine Bürde, weil ich jeden Tag sehen muss, was aus ihm geworden ist.

Ich reibe mir übers Gesicht und fahre seufzend durch meine langen Haare. Vielleicht hätte ich meine Heimat Kemscha nie verlassen sollen. Denn jetzt fällt es mir jedes Mal aufs Neue schwer, dorthin zurückzukehren.

Ich reiße mich von diesen Gedanken los und verschiebe sie auf einen anderen Zeitpunkt. Der Brief wird mein schlechtes Gewissen beruhigen, sobald er auf dem Weg ist und ich werde wochenlang nicht darüber nachdenken, welchen Hafen ich ansteuere, sobald wir wieder von hier aufbrechen.

In den vergangenen Stunden habe ich immer wieder gehofft, mein Bruder würde an die Tür klopfen und eine Wetterbesserung vermelden, aber der Starkregen hat der Warterei ein Ende gesetzt. Jetzt ist es endgültig zu dunkel, um das Wagnis einzugehen.

Obwohl ich mich nicht davor scheue, im Regen zu stehen, habe ich heute nicht das Bedürfnis, meine Kajüte zu verlassen und mit meinen Männern die Überquerung des Ozeans zu feiern. Abgesehen davon, dass wir noch nicht im Hafen angekommen sind, ist mir nicht nach Trinken zumute.

Ich beschließe, stattdessen weiter meinen Gedanken nachzuhängen, als ich plötzlich ein Geräusch zwischen dem ganzen Prasseln und Platschen zu hören glaube. Langsam und ohne ein Knarren des hölzernen Stuhles zu verursachen, setze ich mich auf. Gerade will ich es meiner Einbildungskraft zuschreiben, als ich erneut die zarte Stimme einer Frau vernehme. Einen Moment lang verdächtige ich meine Männer, die sich einen Spaß daraus machen, doch als sich weitere Stimmen zu einem Gesang vereinen, erhebe ich mich wie von selbst von meinem Stuhl. Unter Deck kann ich keine Worte verstehen. Es ist kaum mehr als ein Summen und dennoch berührt es mich in meinem Innersten.

Ich schleiche so leise wie nur möglich über die knarzenden Dielen, öffne die Tür und trete in den Gang. An Deck sind schnelle Schritte zu hören, doch nicht sie sind es, die mich beinahe dazu bringen, zur Treppe zu stürmen. Ich schüttele über mich selbst den Kopf. Hilfeschreie meiner Männer wären ein guter Grund für meine Eile. Frauenstimmen, die ich mir letzten Endes wahrscheinlich nur einbilde, gehören nicht dazu. Ich führe mir vor Augen, wie die gesamte Mannschaft mich auslachen würde. Das hilft, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Zumindest bis ich die Tür aufstoße und die Stimmen ungedämpft an meine Ohren dringen.

Durch den gleichmäßigen Regen erkenne ich, dass beinahe alle meine Männer an der Reling zu beiden Seiten des Schiffes stehen. Die wenigen, die fehlen, schlafen vermutlich. Ich will gerade einen Befehl blaffen, damit sie sich nicht unnötig in Gefahr bringen, als die Stimmen meine letzten Gedanken einfach fortwischen.

Wie von einem unsichtbaren Band gezogen, tragen mich meine Füße über das Deck bis zum Bug. Ich nehme kaum wahr, dass keiner meiner Männer mir den sonst nötigen Respekt erweist und mir seinen Platz überlässt. Sie alle stehen da, als seien sie mit den Planken verwurzelt.

Vorne angekommen, beuge ich mich ebenfalls über die Reling und verschwende keinen Gedanken mehr an das Wetter, das das Schiff auf den Wellen schaukeln lässt. Ich keuche auf, als ich in ein halbes Dutzend junger Gesichter blicke. Nur die Köpfe der Mädchen ragen aus den Fluten. Hin und wieder kommt einmal eine nackte Schulter zum Vorschein, wenn sie sich auf der Rückseite einer Welle befinden. Eine Rothaarige lächelt mir entgegen, als ich mich in ihr Blickfeld beuge und sofort wünsche ich mir, ihre wunderschönen, blauen Augen würden nie mehr einen anderen ansehen. Während ich in den tiefen Seen ertrinke, hört sie keinen Moment lang auf zu singen. Ihre Stimme ist die schönste, die ich je vernommen habe und ich will näher zu ihr gelangen, bis der Sturm keine einzige Silbe mehr verschluckt.

Als sie ihren Blick von meinem löst, überkommt mich Verzweiflung. Ich beuge mich tiefer hinunter und versuche, sie damit wieder anzulocken. Zu gerne würde ich ihr etwas zurufen, doch das würde den Gesang stören. Und so gebe ich mich damit zufrieden, ihr weiter zuzuhören und darauf zu hoffen, dass sie sich mir noch einmal zuwendet.

Als eines der anderen Mädchen seine Hand nach oben ausstreckt, folge ich eifersüchtig ihrem lächelnden Blick. Für einen Wimpernschlag bin ich enttäuscht, dass die Rothaarige mich nicht auf dieselbe Weise in ihren Gesang miteinbezogen hat, doch dann strecken sich mehrere Hände meiner Männer nach der des Mädchens aus. Ich bin bereits im Begriff, es ihnen gleichzutun, als die mit schwarzen Mustern überzogenen Finger meines Bruders sich ihr am weitesten entgegenrecken.

Das Mädchen winkt ihn zu sich und noch immer singend kommt sie näher heran. Mein Bruder gibt keinen Laut von sich, als er kopfüber in die Fluten stürzt. Für einen Moment lenkt es mich von dem Gesang ab und ich will seinen Namen schreien, doch kein Ton kommt über meine Lippen. Unter mir sehe ich, wie das Mädchen meinem Bruder folgt. Ein Fischschwanz aus schillernden rosa Schuppen, der in tiefroten Flossen endet, ist das letzte, das ich von ihr sehe.

Ein zweites, lautes Platschen in meinem Rücken lässt mich ahnen, dass ein weiterer Mann über Bord gegangen ist, doch ich kann mich nicht rühren. Mir gelingt es nicht, mich nach demjenigen umzusehen, der das Schicksal meines Bruders teilt. Erst als der Gesang verebbt, kann ich mich wiederaufrichten, aber ich bin noch immer nicht in der Lage zu sprechen.

Die Leere, die der verstummte Gesang in mir hinterlässt, schmerzt mehr als jede Verletzung und ich wünsche mir, dass er zurückkehrt. Dass sie zu mir zurückkehrt.

Dann drängt sich die Angst um meinen Bruder und den anderen Seemann wieder in den Vordergrund. Meine Gliedmaßen beginnen endlich wieder, mir zu gehorchen, während langsam auch die restlichen Männer den Blick von den Wellen unter uns reißen. Wir alle sind durchnässt vom Regen und aufspritzendem Meerwasser, doch die Verwirrung, die uns alle befallen hat, vermag das nicht zu vertreiben.

Ich wanke dorthin, wo mein Bruder stand und bin gerade dabei, ein Bein über die Reling zu schwingen, als ich zurückgerissen werde.

Der Aufschlag auf den Planken treibt mir die Luft aus der Lunge. Ich ächze, während ich aufzustehen versuche, aber ich komme nicht weit. Der alte Schiffskoch tritt mir in den Weg und schubst mich erneut zu Boden. Er sieht aus, als wäre er gerade erst aus seiner Koje gestiegen, aber ich kann mich daran erinnern, dass er vorhin ebenfalls an der Reling gestanden und hinuntergestarrt hat. »Das Meer hat sie geholt.«

Hat er gesehen, was ich gesehen habe?, frage ich mich. Doch bevor ich die Frage aussprechen kann, glaube ich nicht mehr, was meine Augen beobachtet haben. Mein Blick wandert aufs Meer hinaus und sucht es nach meinen beiden Männern ab.

»Es ist zu spät«, sagt der Schiffskoch zu mir und wie der Gesang und die Erinnerung an die vergangenen Minuten verblasst auch alles andere um mich herum.

 

Der nächste Morgen beginnt für mich und die meisten meiner Männer auf den Planken des Decks, in durchnässter, eiskalter Kleidung und mit dem Geschrei der Möwen über unseren Köpfen. Das Meer ist friedlich, der Himmel von weißen Wolken verhangen und das Festland scheint zum Greifen nah.

Doch dichter Nebel verschleiert meine Gedanken und unwillkürlich frage ich mich, wann ich beschlossen habe, mich der Feier meiner Männer anzuschließen. Selbst die Erinnerung daran, wie ich meine Kajüte verlassen habe, ist verlorengegangen. Beinahe habe ich geglaubt, nicht mehr so viel trinken zu können, dass mir das noch einmal passiert. Wie es mir in meinen ersten Jahren auf dem Schiff ergangen ist.

Aber irgendetwas daran ist falsch. Ich weiß es und kann es mir doch nicht erklären. Suchend mustere ich die Männer um mich herum. Manche scheinen genauso verwirrt wie ich, andere liegen noch schlafend überall auf dem Deck verteilt. Benommen kämpfe ich mich auf die Füße und zähle die Mitglieder meiner Mannschaft. Es dauert eine Weile, bis ich in den Kojen nachgesehen habe, dennoch ahne ich schon lange vorher, dass nicht mehr alle achtzehn Mann an Bord sind.

Meine Beine geben unter mir nach, als mir klar wird, dass auch mein Bruder fehlt. Er ist für das Schiff nicht wichtiger als die meisten, für meine Mutter und mich jedoch bedeutet er alles.

Mutter. Ich muss zu ihr gehen und ihr erzählen, was passiert ist. Dass das Meer ihn geholt hat.

Schon jetzt weiß ich, dass ich diesen Weg noch sehr lange nicht antreten werde. Ich kann ihr nicht sagen, dass sie einen zweiten Sohn verloren hat.

 

1.                 

Schimmernd wie ein Schuppenkleid
Perlt der Klang durch Meere weit

 

3 Jahre später – am Meeresgrund

 

Seufzend lege ich etwa die hundertste Muschel in meinen Korb, nachdem ich sie auf abgeplatzte Stellen und Risse untersucht habe. Es ist anstrengend, so viele Muscheln zu sammeln, die einem selbst perfekt erscheinen, und gleichzeitig zu wissen, dass viele dennoch aussortiert werden. Eigentlich durchkämme ich die Felder gerne nach passenden Fundstücken, aber wenn sie für mich selbst sind, weiß ich, dass ich sie irgendwann auch verwenden werde. Jetzt beobachte ich lieber die Fische, die über dem Sand kaum auffallen, wenn sie sich nicht bewegen. Hin und wieder macht sich einer von ihnen an einer Muschelschale zu schaffen und frisst die kleinen Pflanzenteile ab, die sich darauf festsetzen. Ganz mutige wagen sich an die Muscheln in meinem Korb, verschwinden aber immer recht schnell wieder.

Vor ein paar Stunden konnte ich meinen Frust noch damit verscheuchen, dass ich mir eingestanden habe, an meinem wichtigsten Tag ebenfalls nur den schönsten Schmuck verwenden zu wollen. Jetzt aber ist auch die letzte Vorfreude auf das morgige Ritual verflogen. Ich kann es kaum erwarten, dass dieser Tag zu Ende geht. Wenn das Fest seinen Höhepunkt erreicht hat und die Anspannung von mir und meiner Familie abgefallen ist, kann ich sicherlich auch wieder Spaß haben. Doch bis dahin muss ich leider noch ein wenig durchhalten.

»Oh, ich bin so aufgeregt!«, reißt Elynne mich aus meinen trüben Gedanken. Ihre Stimme ist wie immer zu schrill, wenn sie sich für etwas begeistert. Oft kann ich es ihr einfach nicht verübeln; sie ist eine fröhliche Sirene. Allerdings kann ich nicht verstehen, warum ausgerechnet sie sich auf morgen freut. Ich weiß genau, dass ihr das Sammeln von Muscheln und dergleichen normalerweise schon nach wenigen Minuten zuwider ist. Irgendwie haben wir heute wohl unsere Rollen getauscht. Mit einem breiten Grinsen taucht sie vor mir auf und wedelt mit ein paar Muscheln vor meinem Gesicht herum. Als Erstes fällt mir der breite Riss über der Violetten auf, aber ich sage nichts, als Elynne sie in meinen Korb legt und wieder davonschwimmt. Ich werde die Muschel später aussortieren, weil sie ohnehin nicht für die Dekoration des Festplatzes genutzt werden wird. Mir ist klar, dass Elynne sie vor allem ihrer Farbe wegen eingesammelt hat. Sie weiß, dass ich Violett liebe. Vielleicht weiß sie auch, dass die Muschel bei meinen Schätzen landen wird. Für einen kurzen Moment bessert sich meine Laune. Ich muss lächeln und beschließe, ab jetzt auch für mich selbst ein paar Fundstücke mitzunehmen. In dem Trubel der letzten Wochen bin ich kaum noch dazu gekommen, der einzigen Sache nachzugehen, an der ich wirklich Spaß habe. In jeder freien Minute sitze ich an Schmuck, Dekoration und anderen schönen Dingen, weil ich hoffe, dadurch irgendwann in die Fußstapfen meiner Mutter treten zu können. Sie gehört zu den kreativsten Sirenen unserer Stadt und war eine der jüngsten Schafferinnen, als sie dieser kleinen Gruppe beigetreten ist. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, es ihr gleichzutun und ihrem Pfad zu folgen, sobald ich alt genug dazu bin. Sobald ich so alt bin wie meine Schwester jetzt. Lejell hat morgen den wichtigsten Tag ihres bisherigen Lebens – vielleicht auch ihres ganzen Lebens.

Und ich wünschte, sie würde sich dem nicht stellen.

»Aysel?« Elynne zieht an einer meiner silbrigen Haarsträhnen, deretwegen ich zu meinem Namen gekommen bin. Ich habe meine Eltern an den Vollmond erinnert, der in der einzigen Nacht am Himmel stand, in der sie je gemeinsam zur Meeresoberfläche geschwommen sind. Dieser Nacht ist es zu verdanken, dass ich geboren wurde. Also haben sie mich Mondstrahl genannt. Und auch der Rest an mir erinnert angeblich an den Mond über dem Meer. Die obersten Schuppen an meiner Hüfte sind beinahe weiß. Im Verlauf mischt sich immer mehr helles Blau dazu. Der tiefblaue Rand meiner Flosse ist das einzig Dunkle an mir. Wie ein Mond, dessen Licht die Umgebung erhellt und auf das Meer trifft.

»Was ist denn?«, frage ich, bevor meine beste Freundin noch einmal daran zerrt. Sie schnaubt leise. »Ich rede schon seit einer halben Ewigkeit mit dir und du hast nichts Besseres zu tun, als Löcher ins Meer zu starren.«

»Gar nicht wahr«, entgegne ich grimmig, obwohl ich fast sicher bin, dass sie recht hat. Abgesehen davon, dass sie maßlos übertreibt. »Also?«

»Ich verstehe gar nicht, warum du so schlecht gelaunt bist. Du müsstest dich doch noch viel mehr freuen als ich.« Elynne wirft achtlos weitere Muscheln in den Korb. So viel zu meinem Versuch, die perfekte Sammlung zum Festplatz zu bringen und damit Lob zu ernten. Obwohl es mir so wichtig ist, behalte ich meine Gedanken für mich, um sie nicht zu kränken. Sie hat einfach keinen Spaß daran und das kann ich nachempfinden. Mir ging es so lange Zeit ähnlich, dass ich mich noch gut daran erinnern kann. Abgesehen davon ist den meisten klar, dass meine Freundin nie auch nur einen Beutel dabeihat und deshalb alles bei mir ablädt. Eine perfekte Sammlung mitzubringen, kann mir dadurch überhaupt nicht gelingen. »Ich würde mich darüber freuen, wenn Lejell den richtigen Mann gewählt hätte. Ich habe ein schlechtes Gefühl dabei.«

»Das schon wieder.« Sie verdreht die bernsteinfarbenen Augen. »Du kannst es nicht ändern. Würde ich dich nicht besser kennen, würde ich sagen, dass du bloß eifersüchtig bist.«

Nicht, dass wir darüber nicht schon ausführlich diskutiert hätten …

Ich verbeiße mir einen giftigen Kommentar und schwimme weiter. »Ich kann es nicht ändern, dass sich mir bei diesem Mann die Schuppen in die Haut fressen. Und abgesehen davon wäre ich jetzt viel lieber auf dem Festplatz, um beim Dekorieren zu helfen anstatt nach Sachen zu suchen, die zur Hälfte ohnehin nicht verwendet werden.«

»Ja, das stimmt wohl.« Sie wirft einen nachdenklichen Blick in den Korb. »Meinst du nicht, wir haben genug? Wir können auf dem Weg zur Stadt die Augen offenhalten und vielleicht sind wir ja früh genug zurück, dass du noch helfen kannst.«

Ich nicke, obwohl wir beide wissen, dass es bei diesem Aufmunterungsversuch bleiben wird. Selbst meine Mutter würde mir nicht erlauben zu helfen, weil alles nach genauen Vorgaben gefertigt werden muss, über die sie wochenlang verhandelt haben. Das ist dieser eine Punkt, der meine Traumtätigkeit doch nicht perfekt sein lässt. Aber es ist unstrittig, dass sich unsere Magie besonders dann entfaltet, wenn alles um uns herum an Perfektion grenzt. Schmuck und Dekoration gehören genauso dazu wie vieles andere und nur deshalb haben die wenigen Schafferinnen auch eine besondere Stellung in unserer Gemeinschaft.

Alle Sirenen, die am Ritual teilnehmen, dürfen ihre Wünsche äußern. Stimmen mehrere Forderungen überein, werden sie zur Bedingung. Jedes Jahr ist es derselbe Stress, aber in diesem ist meine Mutter zum ersten Mal als direkt Beteiligte dabei. Ihre eigene Tochter durfte Wünsche äußern und natürlich hat sie versucht, diese auch in ihren Entwürfen zu berücksichtigen. Was daraus geworden ist, werde ich erst später sehen, denn die Schafferinnen machen immer ein Geheimnis daraus. Ma hat selbst mir nichts verraten – und das nehme ich ihr übel. Denn so kann ich für meine Schwester nicht einmal ihren ganz persönlichen Schmuck fertigen, was ich so gerne getan hätte. Allerdings hatte meine Mutter wohl Angst, dass ich meiner Kreativität etwas zu freien Lauf lasse und mein Werk schlussendlich nicht ins Gesamtbild passt.

Ich seufze. Mir ist klar, dass Ma gut daran getan hat.

 

Wenig später lasse ich mich von Elynne überreden, endgültig den Rückweg anzutreten. Obwohl die Stadt groß ist, kann man sie von hier aus nur erahnen. Ihr Kern besteht aus Häusern, während am Saum über die Jahrhunderte hinweg immer mehr Wohnhöhlen hinzugekommen sind. Den Mittelpunkt von Aquae bilden der Festplatz und das Versammlungshaus, in dem die Ältesten und der zwanzigköpfige Rat sitzen. Letzterer tritt kaum in Erscheinung und ich kenne nicht einmal alle, aber die beiden Ältesten haben den Vorsitz bei allen Festen und anderen Veranstaltungen. Jedes Kind kennt sie und bringt den über Hundertjährigen den angemessenen Respekt entgegen. Oder Angst. Zumindest ist es das, was ich fühle, wenn ich sie aus der Nähe sehe.

Langsam werden die einzelnen Häuser und Straßen sichtbar und wie immer wandert mein Blick zu meinem Zuhause. Eigentlich sieht man von hier aus nur das Dach, dennoch betrachte ich es immer eine Weile, während ich mich der Stadt nähere. Dabei lasse ich es über mich ergehen, dass Elynne von dem Tag schwärmt, an dem wir uns auf das Ritual vorbereiten werden. In Anbetracht der Tatsache, dass es bei uns beiden noch zwei ganze Jahre dauern wird, kann ich ihre Aufregung kaum nachvollziehen.

»Du hast es so gut, weil du dank Lejell viel näher dabei sein kannst. Ich wünschte, ich hätte auch eine ältere Schwester«, plappert sie weiter. Ich weiß, sie würde ununterbrochen weiterreden, bis wir unser Ziel erreicht haben, wenn ich sie nur lassen würde. »Dafür hast du einen Bruder, um den dich so gut wie alle beneiden.«

»Der ist zu nichts zu gebrauchen. Hat nichts als Unsinn im Kopf und außerdem ist er viel jünger«, widerspricht sie mir empört.

»Du weißt gar nicht, was für ein Glück du hast«, erwidere ich, was aber nur zur Hälfte stimmt, denn jeder weiß, dass männliche Sirenen selten sind und alle Familien auf einen Sohn hoffen. Der Wunsch wird jedoch selten erfüllt. Ich weiß nur allzu gut, dass Elynne froh um ihren Bruder ist, auch wenn sie es ständig abstreitet.

»Glück? Er treibt mich in den Wahnsinn. Und warum? Weil er weiß, dass er etwas Besonderes ist.« Sie ringt ungestüm mit den Händen.

»Ärgere dich nicht über ihn. Immerhin wird es ein tolles Erlebnis sein, wenn er alt genug für das Ritual ist. Und dann darfst du ganz vorne mit dabei sein.« Ich weiß genau, dass ich sie damit aufmuntern kann und grinse in mich hinein, weil sich ihr Gesicht sofort aufhellt. »Abgesehen davon hat niemand etwas dagegen, wenn du morgen früh zu uns kommst.«

»Doch«, entgegnet sie matt. »Ich habe meiner Mutter erzählt, dass ich dir helfen will. Also hat sie es mir verboten, weil sie meinte, ich solle nicht auch noch im Weg herumschwimmen, wenn Lejell ohnehin schon aufgeregt genug ist.«

Leider muss ich ihr zustimmen, dass meine Schwester seit Tagen ein Nervenbündel ist, das bei jeder Kleinigkeit verzweifelt. Anfangs habe ich sie ausgelacht, weil sie nie so war, doch inzwischen frage ich mich, ob sie im Innersten sogar selbst weiß, dass sie einen Fehler begeht. Wenn sie am Ritual teilnimmt und kein Mann für sie einsteht, wird sie sich zum Gespött der ganzen Stadt machen – wenn nicht noch Schlimmeres. An Elynne würde sie sich zwar nicht weiter stören, aber andererseits freue ich mich darauf, noch einen letzten Morgen allein mit meiner Schwester und meiner Mutter zu verbringen. So wie es bis vor einem Jahr war, bevor Lejell ausgezogen ist, um sich eine eigene Wohnhöhle einzurichten.

»Aber beim Fest danach bist du auf jeden Fall dabei«, muntere ich sie auf. Sie kommt nicht mehr dazu zu antworten, weil wir die Stadtgrenze passieren. Dutzende Meermänner mit Dreizacken schwimmen um und über der gesamten Stadt Patrouille, lassen uns aber ungehindert vorbei. Die Sirenen im nächsten Straßenzug jedoch nicht.

Ich erkenne sie alle, wobei eine ganz besonders hervorsticht. Mit ihren zweifarbigen Haaren in Schwarz und Silber ist Cirly es gewohnt, dass jeder ihr mindestens einen zweiten Blick schenkt. Aber es ist ihre in denselben Farben gestreifte Schwanzflosse, die wirklich faszinierend ist. Ihrem Charakter ist die besondere Farbgebung allerdings gar nicht gut bekommen. Sie ist noch aufgeblasener als die gebürtigen, männlichen Sirenen. Mich wundert ganz und gar nicht, dass sie bei unserem Anblick die Nase rümpft. »Was schleppt ihr da für hässliches Zeug an? Bringt das bloß nicht zum Festplatz. Das verdirbt ja die ganze Stimmung, wenn man diese Scherben aufhängt.«

Elynne schnappt neben mir hörbar nach Atem, während ich einen verstohlenen Blick in den Korb werfe. Die Sammlung meiner Freundin sieht nun wirklich nicht berauschend aus, aber sie als Scherben zu bezeichnen, ist einfach eine Frechheit. Während ich noch mit mir hadere, ob ich dazu überhaupt etwas sagen soll, findet Elynne längst ihre Fassung wieder. »Den Platz damit schmücken? Dir und deinem Charakter würden sie viel besser stehen, du eingebildete Muräne!«

Ich muss aufpassen, dass ich nicht in Gelächter ausbreche, sobald mir und auch den älteren Sirenen klar wird, was meine Freundin gerade gesagt hat. Mit zusammengebissenen Zähnen packe ich sie am Arm und zerre sie mit mir nach oben, um über die anderen hinwegzuschwimmen.

»Ja, verzieht euch nur, bevor ich euch jede Schuppe einzeln herausreiße«, faucht Cirly hinter uns. Elynne wirft demonstrativ ihr Haar zurück, sodass eine rostrote Wolke sie umgibt. Die anderen müssen die Seeschlange zurückhalten, damit sie nicht auf uns losgeht.

Den restlichen Weg zum Festplatz legen wir unbehelligt zurück, was mich nicht weiter wundert. Die Straßen der Unterwasserstadt liegen still vor uns. Am Tag verlassen viele Sirenen und Meermänner das Gebiet, um auf den Feldern und in der restlichen Umgebung ihren Aufgaben nachzugehen. Andere arbeiten im Stadtzentrum und auf dem Markt, sodass nur dort reges Treiben herrscht. Heute ist jeder Einzelne in den letzten Vorbereitungen versunken. Deshalb sind bestimmt hundert Sirenen nur hier beschäftigt, um noch alles fertig zu bekommen, bevor sich morgen für das Ritual tausende Zuschauer auf den Platz drängen.

Neben den Schafferinnen und den Sirenen, die alles vorbereiten, worin morgen die Speisen aufbewahrt werden, tummeln sich unzählige Fische zwischen den Gruppen. Die meisten säubern die Steine der Häuser und Plätze, an denen sich Algen festgesetzt haben. Ein paar wenige sind in kleinen Schwärmen unterwegs und überbringen Botschaften oder warten darauf, dass man ihnen einen Auftrag gibt. Es erfordert ein wenig Geduld, den kleinen Gesellen eine Nachricht begreiflich zu machen, die sie überbringen sollen, und man kann sie auch nur zu den Ältesten, dem Rat und ein paar Mitgliedern verschiedener Gruppen schicken. Den Rest der Bewohner Aquaes können sie leider nicht auseinanderhalten, solange sie nicht gerade in seinem Garten leben. Trotzdem sind sie für den einen oder anderen eine Hilfe, weil man den Gang zu gewissen Personen nicht selbst antreten muss.

Die umliegenden Häuserfassaden, die steinernen Statuen und die riesige Empore sind kunstvoll geschmückt. Buntes Seegras, das teilweise mehrere Tagesreisen entfernt wächst, flattert in mein Sichtfeld und ich strecke begeistert die Hand danach aus. Weich streift es meine Finger, als es sich in allen Nuancen von Rot und Orange darum wickelt. Mein Blick fällt auf die strahlend weiße Muschel, die den Mittelpunkt bilden sollte, in der Strömung jedoch verrutscht ist. »Hier, halte den mal.«

Ich drücke Elynne den Korb in die Hand und mache mich an der Dekoration zu schaffen, bis alles perfekt sitzt. Meine Freundin schüttelt grinsend den Kopf, als ich keine zwei Flossenschläge entfernt ein ähnliches Problem erkenne. So arbeite ich mich einen Teil der Häuserfassenden entlang, bis ich ein Räuspern hinter mir vernehme. Schuldbewusst drehe ich mich um. Es ist nicht meine Aufgabe, hier herumzuwerkeln. Ganz besonders nicht heute. Und mit Sicherheit wären meine Mutter und die restlichen Sirenen später und morgen in der Frühe noch einmal über den gesamten Platz geschwommen, um alles wieder zu richten.

»Hallo, Ma«, murmele ich und versuche mich an einem Lächeln, das den strengen Ausdruck in ihrem Gesicht jedoch nicht zu erweichen vermag. Die zu einem Zopf geflochtenen goldblonden Haare verdeutlichen diesen Eindruck mindestens im selben Maße wie ihre vor der Brust verschränkten Arme. Die Fältchen um ihre Augen, die als einziges ihr Alter verraten, vertiefen sich, als sie diese zusammenkneift.

»Hallo, Rìonda. Wir bringen Muscheln«, schaltet Elynne sich übertrieben gut gelaunt ein und schwenkt den Korb herum. Endlich wendet sich meine Mutter mit einer Begrüßung von mir ab, sieht jedoch wenig begeistert aus, als sie den Inhalt betrachtet. Im Geiste lasse ich meinen Kopf in die Hände sinken. Ich hätte vorher aussortieren sollen, auch wenn meine beste Freundin es dann wahrscheinlich mitbekommen hätte, weil sie sich auf dem Rückweg natürlich lieber unterhalten hat, als weiter Muscheln zu sammeln …

»Dann kommt mit. Die meisten sind schon zurück und sortieren nach Farben und Qualität.« Meine Mutter weiß genau, dass weder Elynne noch ich diese Arbeit gerne tun – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Deshalb überhört sie auch unser Stöhnen und schwimmt voraus. Ich betrachte die rötlich schimmernden Schuppen mit dem gelben Strich, der sich quer über eine ihrer Flossen zieht. Wie jedes Mal versetzt es mir einen Stich und gleichzeitig verspüre ich Zuneigung bei der Erinnerung an meinen Vater. Es ist das einzig sichtbare Zeichen, das von ihm geblieben ist und es berührt mich immer wieder aufs Neue, dass Ma ihn offensichtlich noch liebt wie am ersten Tag.

Sie bringt uns zu einem der hinteren Tische, an dem fünf Sirenen mit einem halben Dutzend Körben sitzen, in denen mehr Muscheln liegen als wir für dieses und das Ritual im kommenden Jahr brauchen können und doch sortieren sie weiter den riesigen Berg vor sich. Ich weiß, dass alles, was übrigbleibt, zum Schluss unter den Schafferinnen aufgeteilt wird, damit sie es für die Anlässe nutzen können, die in nächster Zeit anstehen. Auch wenn meine Mutter eine von ihnen ist, betrachte ich es eher als Strafe, mir sämtliche Muscheln noch einmal anzusehen, obwohl ich weiß, dass es keine ist. Ma kennt meinen Wunsch und sie unterstützt mich. Auch wenn ich denke, dass sie dafür ruhig einen anderen Weg wählen könnte. Ich knirsche mit den Zähnen, als der Inhalt meines Korbes ebenfalls auf dem Tisch landet. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber ich finde, dass sich meine Muscheln von denen der anderen abheben. Sie glänzen schöner, haben die perfektere Form. Die Begeisterung, mit der sich Faryi und Linesse darauf stürzen, bestärkt mich darin, doch meine Mutter hat keinen Blick dafür übrig. Sie nickt mir noch einmal auffordernd zu, bevor sie an ihre Arbeit zurückkehrt.

Grimmig setze ich mich neben Linesse und mache mich daran, alles Rötliche in meiner Reichweite aus dem Berg zu sammeln und zu begutachten.

»Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr«, beschwert sich Faryi bei Elynne und mir. »Die anderen waren schon mindestens zwei Mal hier, um ihre Körbe zu leeren.«

Ich seufze. Das sieht man auch.

Hätte ich das gewusst, wäre ich doch länger auf den Feldern geblieben. Ich glaube nämlich nicht, dass ich diesem Schicksal hätte entkommen können, wenn ich schon früher hier gewesen wäre. Ich weiß durchaus, warum meine Mutter mich hierherverfrachtet hat, statt mich noch einmal loszuschicken. Sie will, dass ich meinen Blick weiter schule, obwohl ich glaube, dass ich meinen Freundinnen einiges voraushabe, was das betrifft. Alle gebürtigen Sirenen haben ein größeres Talent, die Schönheit in Dingen zu erkennen, als die Meermänner, die auf anderem Weg zu uns finden. Dennoch habe ich, mit dem Spürsinn meiner Mutter, selbst ihnen gegenüber einen gewissen Vorteil.

Ich will mir gar nicht vorstellen, dass ich trotzdem noch so viele Jahre lang die Felder absuchen und Fundstücke sortieren muss. Aber die meisten Sirenen verbringen mindestens ihr halbes Leben damit, den älteren zuzuarbeiten. Das wären bei mir noch mindestens dreißig Jahre, eher mehr, die ich für die Schafferinnen lediglich sammeln und sortieren dürfte. Nur wenige werden dazu berufen, sich einer Gruppe früher anzuschließen. Ihr Ansehen muss man sich erarbeiten und das ist der Gedanke, der mich immer wieder dazu antreibt, schneller und besser zu arbeiten als die anderen, obwohl ich keinerlei Spaß dabei empfinde.

So geht es den meisten, unabhängig davon, welcher Beschäftigung sie nachgehen wollen. Meine Schwester möchte mit den jungen Sirenen arbeiten, aber sie ist vor allem dafür zuständig, Essen von den Feldern zu holen oder hinter den Kleinen aufzuräumen, wenn diese wieder zuhause sind. Und das noch für viele Jahre.

»Wie lange sitzt ihr schon hier?«, frage ich, um die Langeweile zu vertreiben, die bereits jetzt bei mir aufkommt.

»Schon den halben Tag. Glaub nicht, dass das die ersten sortierten Körbe sind«, grummelt Pienna und streicht sich eine dicke, mattschwarze Locke aus dem Gesicht. »Ich freue mich darauf, wenn die ganze Hektik wieder abflaut und endlich wir an der Reihe sind.«

»Ja«, murmeln wir zustimmend. Genau wie alle anderen bin auch ich gespannt auf die Nacht, in der wir zum ersten Mal zur Meeresoberfläche auftauchen dürfen. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich meine Stimme über Wasser hören werde. Lejell hat versucht, mir den Unterschied bei ihr zu erklären, aber ich kann mir noch immer nichts darunter vorstellen. Und auch das Aussehen fast aller Sirenen ist oben ein wenig anders. Das Haar meiner Schwester ist normalerweise korallenrot, während es an der Luft dunkler und matter ist. Ich habe mich oft gefragt, was aus meinem silbrigen Haar wird, das im rechten Licht einen hellblauen Schimmer aufweist. Vor zwei Jahren war ich sogar so neugierig, dass ich beinahe gegen alle Regeln verstoßen hätte und zur Oberfläche aufgetaucht wäre, nur um mein Haar zu begutachten und meine Stimme zu hören. Zum Glück hat Elynne mich davon abgehalten, sonst würde ich wahrscheinlich bis heute Strafdienst ableisten. Allerdings wundere ich mich seitdem auch, warum meine beste Freundin ausgerechnet in diesem Moment so vernünftig gewesen ist. Eigentlich war ich mir sicher gewesen, dass sie mich sofort begleiten würde. So sicher, dass ich ohne zu zögern einen Zitteraal angefasst hätte. Nun ja, das hätte wehgetan.

Bis zum Abend, wenn sich die Straßen nach und nach mit den leuchtenden Schimmerfischen füllen, die ein wenig die Dunkelheit vertreiben, müssen wir sortieren. Im Gegensatz zu uns sind sie in der Nacht aktiv und in den wenigen Stunden, in denen wir gemeinsam in der Stadt unterwegs sind, erhellen sie für uns die Straßen und Plätze. Genauso wie alle anderen tierischen Stadtbewohner erfüllen auch sie ihren Beitrag für die Gemeinschaft, weil sie in unserer Stadt eine sichere Zuflucht haben.

Eine alte Sirene erlöst uns, als es selbst mit dem bläulichen Licht der Fische beinahe unmöglich wird, die Hand vor Augen zu erkennen.

Elynne und ich treten den Heimweg gemeinsam an, da wir in gegenüberliegenden Häusern wohnen, aber heute verabschieden wir uns ungewöhnlich schnell voneinander. Wahrscheinlich sind wir beide müde von der Langweile, die uns in den letzten Stunden begleitet hat.

 

Als ich die aufgefädelten Muscheln im Hauseingang hinter mir lasse, erhellen mehrere Leuchtkugeln den Wohnbereich. Meine Mutter und Lejell sprechen miteinander, diskutieren schon fast. Vermutlich geht es um das Oberteil oder den Kopfschmuck, der noch nicht ganz perfekt ist.

»Aysel, bist du das?« Meine Schwester klingt hoffnungsvoll, was mich freut. Meist sind wir gute Verbündete, wenn es darum geht unsere Mutter zu überzeugen. Wir wissen beide, dass Ma nur alles tun will, um Lejell den schönsten Tag ihres Lebens zu bescheren, aber so manches Mal verliert sie sich in ihrer Perfektion. Vielleicht auch jetzt. Ich mache mich auf den Weg zu ihnen. »Ja, ich komme.«

»Ma will, dass ich das trage«, entrüstet Lejell sich sofort und hält einen Berg von weißen Muscheln in die Höhe. Ich muss mir auf die Zunge beißen, um nicht zu lachen. »Ma, wie genau soll sie damit tanzen können?«

Unsere Mutter schaut zwischen mir und dem Ungetüm hin und her. Schließlich verzieht sie den Mund. »Ach, was bemühe ich mich überhaupt? Meine Töchter wissen es ja ohnehin besser.«

Schnaubend schwimmt sie davon und löst den geflochtenen Zopf, als würde sie damit das Ende ihrer Arbeitszeit verkünden, während Lejell ihr sprachlos hinterherstarrt. Ich zucke die Schultern, weil ich das leise Lächeln auf ihrem Gesicht gesehen habe. Ja, wir wehren uns manchmal zu zweit gegen das, was sie als das Beste für uns hält. Aber sie ist auch stolz auf uns, wenn wir uns gemeinsam einer Herausforderung stellen. Möglicherweise hat sie dieses Mal aber auch nur darauf gewartet, dass ich nach Hause komme. Ich werde den Verdacht nicht los, dass es eine Entschädigung für die vergangenen Stunden sein könnte. »Na, das war ja jetzt einfach.«

»Einfach? Hättest du nicht früher nach Hause kommen können?«, beschwert sich meine Schwester kopfschüttelnd.

»Tut mir leid, da war ich noch mit Muscheln sortieren beschäftigt. Wozu mich übrigens Ma verdonnert hat.« Ich begutachte die unzähligen Sachen, die überall verteilt liegen. »Hast du ihr das alles schon ausgeredet, oder warum liegt das Zeug da?«

Lejell hebt mit spitzen Fingern einen undefinierbaren Gegenstand auf, in dessen Ritzen und Löchern buntes Seegras steckt. »Das könnte man wahrscheinlich zum Abschrecken ungebetener Gäste aufstellen.«

Wir lachen beide los, meine Schwester verstummt allerdings recht schnell wieder und lehnt niedergeschlagen den Kopf gegen die Wand. »Mein Kopfschmuck wurde heute als nicht passend abgelehnt. Jetzt habe ich gar keinen mehr.«

»Nachdem ich die Dekoration auf dem Festplatz heute gesehen habe, wundert mich das wenig.« Ich wickele eine meiner silbernen Strähnen um den Finger. »Aber vielleicht kann ich es anpassen.«

Ihr Blick streift mich voll Hoffnung, bevor sie wie vom Hai gebissen los schwimmt. Ich beseitige das größte Chaos, bis sie mit ihrem Kopfschmuck zurückkehrt und ihn mir in die Hand drückt.

Bis in die Nacht hinein löse ich in mühevoller Kleinarbeit die einzelnen Teile heraus und wähle gemeinsam mit Lejell die Dinge aus, die die grünen Muscheln und Gewächse ersetzen sollen.

Meine Schwester schläft schließlich ein, während ich konzentriert über dem Diadem sitze und es neu zusammensetze. Dass unsere Mutter zwischenzeitlich hereinkommt, entgeht ihr völlig. Sie verharrt auf der Schwelle, lässt den Blick zwischen ihr und mir schweifen, dann schenkt sie mir ein warmes Lächeln. Ich weiß, dass sie zufrieden mit meiner Arbeit ist – und ich bin froh, dass ich nun doch noch meinen Beitrag zum Ritual leisten darf. So sehr ich es auch will, ich erlaube mir nicht, auch nur in einem Detail den Vorgaben zu widersprechen. Meine Angst, dass Lejell ohne Schmuck dasteht, ist viel zu groß.

Auch wenn morgen niemandem auffallen wird, dass ihn nicht meine Mutter, sondern ich gemacht habe.